Der R4 war zu Beginn der 70-er Jahre eine DER Familienkutschen - auch in Deutschland. Vater, Mutter und viele Kinder? Kein Problem. Wenn der Platz vorne nicht mehr reichte, gab es ja auch noch den leicht zu beladenden Kofferraum für den Kindertransport.               Foto: Oldtimerreporter.Müller / privat


„Bu…bubu…bubububu…“  Das Quietschen einer Trommelbremse. Eine Hand geht zum Spazierstock am Armaturenbrett und drückt den langen Spazierstock, auch Schalthebel genannt, gefühlvoll ein wenig nach vorne. Pause. Die Hand legt den Spazierstock ein wenig nach rechts um. Nächste Pause. Zwischendurch wieder das Quietschen der nicht rechtzeitig gewarteten Trommelbremse. Gefühlvolles Bewegen des Schalthebels nach vorne. Ein leichtes „Klack“ ertönt aus der Richtung des Getriebes. Dazu ein „Plopp“ des Kupplungshebels. Es ist vollbracht.
Der Fahrer des 1970er R4 TL hat soeben vom dritten Gang seines Feuerstuhls in den zweiten zurückgeschaltet. Ja, es ist ein 1970er TL, einer der ganz frühen 34 PS-Modelle. Aber auch bei dem steht das Schaltschema noch auf dem Kopf. Erster Gang : Nach hinten links ziehen. Zweiter Gang : (Mit Gefühl) gerade nach vorne stoßen, immer schön auf die Schaltpausen achten. Sonst knirscht es gerne. Dritter Gang : Schalthebel nach hinten ziehen, im Leerlauf einen Moment warten. Den Hebel etwas...

...nach rechts umlegen und pausieren. Dann sanft nach vorne stoßen. Vierter Gang (ja, so etwas  gibt es seit 1967!):  Nach hinten ziehen, pausieren, weiter ziehen. Wobei der vierte Gang trotz der 34PS-Kraftmotorisierung nur selten Anwendung findet.


1967 zog wieder ein Stück mehr Fortschritt in den R4 ein. Nun gab es endlich auch ein Vierganggetriebe, das allerdings manche gar nicht vermisst hatten. Dazu verpasste Renault dem R4 ein  anderes Gesicht, das ihn etwas weniger nach Blechkiste aussehen lassen sollte. Nun, die Alubrille war hübsch, eine Blechkiste blieb der R4 trotzdem.   Foto: Renault


Vielleicht mal in der Ebene, bergauf sicher nicht. Das alles immer unter der süßesten musikalischen Begleitung eines Motors, die Ingenieure jemals erfunden haben. Automobile Soundtechniker heutiger Tage können diese Melodie nicht mehr erschaffen. Dieses freundliche „Brummeln“ des Motors im Schiebebetrieb oder das „Singen“ beim Beschleunigungsversuch (Beschleunigung alleine wäre ein zu großes Wort). Irgendwann, bei etwa 90 – 95 km/h und eindeutig zu hohen Drehzahlen für den Billancourt-Motor (Grundkonstruktion 1941), wird es dann leicht zornig. Die Karosserie schüttelt sich in ihren Grundfesten, besonders bei nicht mehr ganz frischen Modellen. Aber dem kann abgeholfen werden: Der Fahrer lupft das Gaspedal ein wenig, Drehzahl und Geschwindigkeit sinken schnell – und schon klingt es wieder freundlich.
So geschah es viele Male zwischen 1970 und 1977, irgendwo um das kleine Dorf am Ende der Welt herum. Ein wunderschöner, dunkelblauer Renault 4 TL. Darin, auf schwarze Kunstledersitze gebettet, ein kleiner blonder Junge, der den süßen Klängen des R4 fasziniert lauscht.  Süße Klänge, süßes Gift, das süchtig macht – bis heute. Vive la Quatrelle!
Wer heutzutage einen der frankophilen Sympathen fahren will, muss für ein halbwegs brauchbares Exemplar rund 4000 Euro hinblättern.

 


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