Als Chauffeure hinter acht Zylindern noch im Freien "wohnten". Fotos: Renault


1929 ist für Louis Renault ein bedeutsames Jahr. In vielerlei Hinsicht.
Zum einen ist er unbestritten auf dem Zenit seines Erfolges und seiner wirtschaftlichen (und politischen) Macht. Er ist mit Abstand Frankeichs größter Arbeitgeber und eröffnet im November 1929 das neue Werk auf der Ile Séguin.
Das größte und modernste Automobilwerk Europas mit dem längsten Fließband außerhalb der Vereinigten Staaten. Insgesamt misst „la chain“ 1.500 Meter.

Der schwarze Donnerstag im Oktober 1929 löst die Weltwirtschaftskrise aus. Er hat es als einer der ganz wenigen Skeptiker geahnt, dass die Blase aus Krediten und Spekulation irgendwann platzen muss. Auch wenn ihm das missfällt - er sieht sich bestätigt: Und doch bewahrt Renault die Ruhe. Und tut damit genau das Richtige. Er bringt seine Projekte zu Ende, auch ein solches Projekt wie den neuen Renahuit (so der Name des Prototyps), der als Reinastella in die Preislisten kommt. Und dieses Automobil passt so gar nicht in die Zeit, möchte man meinen. Denn die anderen Hersteller werden nervös, setzen auf kleine und kleinste Autos, sie haben schlicht Angst. Ein Wort, das es in Renaults Sprachschatz nicht gibt.


Es gab ihn neben den unterschiedlichen Limousinen-Formen auch als Coupé ...


Deswegen reagiert er auch vollkommen konträr zu der allgemeinen Haltung der Hersteller. Er entlässt kaum Leute, hat den Bau auf der Ile Séguin weitestgehend aus Privatmitteln finanziert, um das Firmenkapital zu schonen und setzt auf eine breite Modellpalette. So traurig es auch ist, aber ein Auto kann sich Otto… entschuldigen Sie bitte, Jean Normalverbraucher nicht mehr leisten. Die einzigen, die sich jetzt noch ein Auto leisten können, sind die Reichen, die Schönen und die Regierung. So nimmt es nicht wunder, dass der Reinastella trotz- und alledem zu einem Erfolg wird. Der Motor ist Renaults erster PKW-Achtzylinder, der aus 7.125 cm³ zwischen 110 und 130 PS abliefert, je nach Modell. Das reicht für Geschwindigkeiten jenseits der 130 km/h. Damals für eine große Limousine ein Spitzenwert.
Renault baut zwar schon seit 1912 seine eigenen


...und als Cabrio.


Karosserien, dennoch ist es in jenen Tagen Usus, auch Aufträge an Karosseriebauer zu vergeben. Und nur die Besten der Besten formen den Reinastella, wie zum Beispiel Weymann, Kellner oder Binder. Ab Werk sind fünf Ausführungen zu bekommen. Ein drei-, beziehungsweise sechssitziges Cabriolet, Limousine, Coupé und sogar eine achtsitzige Pullman-Limousine. Dafür muss der noch nicht von der Pleite heimgesuchte Käufer zwischen 120.000 und 180.000 Francs auf den Tisch des Händlers blättern. Er bekommt aber auch ein gigantisches Auto. Je nach Ausführung misst die Länge zwischen 5,40 und 5,60 Metern, die Breite beträgt sagenhafte 1,92 Meter und die Höhe variiert zwischen 1,73 und 1,80 Metern. Renault setzt mit dem Reinastella eine Tradition fort. Den Stempel als Kleinwagen-Hersteller trägt der Konzern erst nach dem zweiten Weltkrieg, davor war Renault durchaus der Lieferant für die bessere Gesellschaft und den Elysée-Palast. Die US-Amerikaner kürten in den 1910er-Jahren den damaligen Typ AR sogar zum besten Auto der Welt. Noch vor Rolls-Royce. Vom Reinastella dürften sie ähnlich gedacht haben.

 


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