Halb Buggy, halb SUV: Einen Touareg gab's schonmal - bei Peugeot als Elektro-Prototyp Anfang der 90-er. Fotos: PSA


Außerhalb Frankreichs wird vermutlich nur der Allzeit-Gegner Renault als der gallische E-Auto-Hersteller wahrgenommen. Dabei setzte Renault von Anfang an auf Motoren, denen es nach fossilen Brennstoffen dürstete. Und das für lange Jahre. Und entgegen dem allgemeinen Trend. Denn in den Anfangsjahren des Automobils war es keineswegs sicher, dass sich Herrn Ottos Antriebs-Konzept auf Dauer am Markt behaupten könnte.

Beim Thema Antrieb gab es viele nachvollziehbare, aber auch viele hanebüchene Erfindungen. So sollten zum Beispiel geheime Mixturen, waghalsige Federsysteme oder abenteuerliche Pendelantriebe für die Fortbewegung ohne Pferde sorgen. Es kristallisierte sich bald heraus, dass die finale Schlacht zwischen Dampfkesseln, Benzinmotoren und Elektroaggregaten ausgetragen werden sollte. Und Peugeot war wenig zimperlich. Nach Dampfantrieb und Benzinmotor, versuchte es der französische Löwe mit der Elektrik. 1902 begann Peugeot mit der Produktion eines Elektrofahrzeuges.
Auf das erste folgten weitere Modelle. Die allerdings nicht wirklich über ein Prototypen-Stadium hinausgingen. Aber im Gegensatz zur Dampferei, die bei Peugeot schon gleich zu Anfang ad acta gelegt wurde, blieb man an der Strom-Geschichte dran. Als dann 1940 die Nazis Frankreich in einem Blitzkrieg niederrangen und besetzten, schlug erneut die Stunde von Peugeots Elektromobilität. Weil Benzin stark rationiert und kaum zu bekommen war, setzten die Löwenbändiger auf Elektrizität.
1941 lancierte Peugeot sein erstes rein elektrisch betriebenes Serienfahrzeug, den VLV. Die Abkürzung stand für „Voiture Légère de Ville“, also leichtes Stadtfahrzeug, und gab somit im Namen keinen Hinweis auf den Antrieb. Leicht war der VLV in der Tat, und klein war er auch. Das Wägelchen war gerade mal 2,67 Meter lang und 1,21 Meter breit, die Höhe betrug 1,27 Meter. Für den Strom sorgten vier in Reihe geschaltete 12V-Batterien, die im vorderen Wagenteil untergebracht waren. Der Elektromotor saß im Heck, wo er die Hinterräder antrieb. Das tat er mit einer Leistung von 1,3 (!) PS, später waren für kurze Zeit auch 3,5 PS möglich. Das reichte für sensationelle 35 Stundenkilometer und eine Reichweite von zirka 80 Kilometern. Mit einem serienmäßig mitgelieferten Ladegerät konnte der VLV an jeder haushaltsüblichen Steckdose aufgeladen werden. Bis 1945 entstanden 377 VLV, die meist an Postbeamte oder Ärzte ausgeliefert wurden.


„Voiture Légère de Ville“: Das leichte Stadtfahrzeug war als Elektro-Lösung für die Spritknappheit zur Zeit des zweiten Weltkrieges gedacht und wurde fast nur an "systemrelevante" Personen ausgeliefert.


Nach dem Krieg gab es für elektrische Konzepte keinen Markt mehr, obwohl Benzin und Rohstoffe noch immer für eine gewisse Dauer rationiert blieben. Dennoch setzten alle Hersteller, so auch Peugeot, auf den traditionellen Explosionsmotor. In den 1970ern taten sich die Mannen aus Sochaux mit dem Transportdienstleister Alsthom und der Electricté de France (EDF) zusammen und entwickelten sieben Prototypen auf Basis des Modells 104. So entstanden drei Vans und vier Coupés. Auch im Nutzfahrzeug-Bereich setzte man auf die Kooperation und elektrifizierte die Modelle J5 und J9. 1983 startete eine neue Versuchsreihe, eines der Testobjekte war der neue 205. 1993 war man dann endlich soweit, auch den Privatkunden ein E-Mobil anzubieten: Den Peugeot 106 electrique. Doch die Zeit war noch nicht reif für rollende Stromer, der 106e war seiner Zeit zu weit voraus. Es folgten weitere Elektrostudien, wie der iON concept oder der Touareg, ein ziemlich martialisch daherrollender SUV-Prototyp. Auch der Bobslid und der BB1 wollten die urbane Mobilität neu erfinden.
Aktuell sorgt Peugeot mit dem Elektro-SUV e-2008 für Furore, PSA kündigte weitere rein elektrisch betriebene Modelle an. Bis 2025 will man, so das ehrgeizige Ziel, jedes Peugeot-Modell auch mit Elektroantrieb feilbieten. Da wird sich der momentan arg gebeutelte Elektro-Platzhirsch und Lieblingsgegner Renault warm anziehen müssen.

 


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