Seltene Außenfarbe - gesehen beim OTTMA in Dahme: Die meisten Flossen wurden in beige, dunkelgrau oder schwarz ausgeliefert.
Fotos (2): Oldtimerreporter.Haehnel


1959. Es ist noch gar nicht so lange her, da lagen Deutschland und die restliche Welt in Trümmern. Es ist noch gar nicht so lange her, da keimte das zarte Pflänzchen des Wirtschaftswunders. Es ist noch gar nicht so lange her, da wirkte der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft wie Balsam auf des Deutschen geschundene Seele. Seit 1954 „ist man wieder wer“. Und 1959 kann man es endlich auch zeigen. Vorbei ist‘s mit der etwas behäbig wirkenden, pummeligen Ponton-Karosse, nun kommt die hochmoderne Flossenparade in Form der Modelle 220 b, 220 Sb und 220 SEb.

Der Mercedes-Chefdesigner Karl Wilfert und seine Mannen leisten ganze Arbeit. Beim Design des W111 folgen sie ganz dem „American way of life“, modischer geht nicht mehr. Amerikanisch im Allgemeinen und Heckflossen im Besonderen sind angesagt - noch.
Coca-Cola und Wrigleys lassen grüßen. Allerdings ist man bei den Flossen eher etwas zurückhaltend und nennt sie im Daimler-Deutsch „Peilstege“, die, ganz offizielle Verlautbarung, als Einparkhilfe fungieren sollen. Und das ist nicht die schlechteste Idee. Bei fast fünf Metern Länge, bei denen das Heck besonders ausladend ausgefallen ist, kann so eine Orientierungshilfe wirklich nicht schaden.
Aber wenn man genauer hinsieht, dann stellt sich die Frage, ob der W111 wirklich der Über-Benz ist, der er zu sein scheint. In Sachen Sicherheit ist er es definitiv, da besteht kein Zweifel. Kritiker und Anhänger attestieren der „großen Flosse“, das sicherste Auto der Welt zu sein. Und in der Tat, als das Flossentier im August 1959 aus den heiligen Hallen rollt, ist es an Sicherheits-Features nicht zu toppen. Der W111 ist der erste Serien-PKW, der mit einer stabilen, Verformungsfesten Fahrgastzelle und vorderer und hinterer Knautschzone daherkommt. Realisiert nach dem Patent des Ingenieur-Genies Bela Barényi. Dieser Sicherheitsfaden zieht sich auch durch den Innenraum, erkennbar an einem gepolsterten Armaturenbrett, zum Teil im Instrumententräger versenkten Schaltern und einer gepolsterten Lenkradplatte. So viel Innovation in Sachen Sicherheit bietet sonst keiner.


Schwelgen in Chrom - auch beim Daimler herrschten schon vor der Chrysler-Ära gelegentlich amerikanische Verhältnisse.


Auf der anderen Seite gibt sich „der Daimler“ wenig Mühe, Neues zu lancieren. Fahrwerk und Bremsen werden weitgehend von den Vorgänger-Modellen übernommen. Selbst zu Beginn der 1960er ist es eher fragwürdig, dass ein fast 1,5 Tonnen schweres Auto immer noch mit Trommelbremsen rundum, also auch vorne (!), in seinem Vorwärtsdrang gehemmt werden soll. Immerhin erkennt man den Missstand und rüstet 1962 die Typen 220 Sb und 220 SEb auf vordere Scheibenbremsen um. Das Einstiegsmodell 220 b gelangt im August 1963 zur neuen Bremsanlage und bekommt obendrauf den Bremskraftverstärker in Serie. An der Stelle sei das mysteriöse, kleine „b“ erklärt: Weil auch die Vorgänger-Ponton-Modelle als „Mercedes Benz 220“ vermarktet wurden, hängt man den Neuen einfach ein „b“ an. So einfach ist das. Und apropos Einstiegsmodell. Der „normale“ Mercedes 220 zeigt ganz deutlich, dass er doch nicht so wirklich eine echte S-Klasse ist. Ihm fehlt es an einer Menge Chrom-Zierrat, die hintere Stoßstange ist deutlich einfacher gestrickt und auch die Rückleuchten fallen weniger pompös aus, als die Teile der größeren Geschwister.
Was die Motoren betrifft, so sind alle W111 reine Sechszylinder, in Reihe angeordnet. Je nach Modell kommen der M180- oder M127-Motor, wie auch schon bei den Vorgängern, zum Einsatz. Alle verfügen über einen leicht modifizierten Motor mit einem Hubraum von 2,2 Litern, die Leistung variiert von 95 bis zu 120 PS.

1965 erscheint die Baureihe W108/W109 und der W111 wird verabschiedet.
Ebenfalls 1965 erscheint dann der W111. Hä? Wie, der W111 erscheint? Den haben wir doch eben verabschiedet! Doch, doch, das stimmt schon. So ganz kann man die Flossen nicht von der Flosse lassen und lanciert 1965 den W111 in der Version 230 S. Obwohl die neue S-Klasse ohne Flossen schon in den Startlöchern steht. Das liegt schlicht und ergreifend in der „Heckflossen-Einheitskarosserie“, die 1961 die „kleine Flosse“ W110 und die echte „Über-Flosse“ W112 auf die Straßen rollen lässt. Wobei auch der wirkliche „Über-Benz“ W112 (Als Mercedes-Benz 300 SE) schon 1965 seinen ewigen Frieden findet, aber neben dem 230 S wird auch die „kleine Flosse“ W110 bis 1968 ihren Dienst verrichten.
1968 ist dann aber tatsächlich Schluss mit lustig. Die Baureihen W108 und W109 sind, wie erwähnt je eh schon da, der W110 wird vom legendären /8 abgelöst. Ab jetzt lässt „der Daimler“ die Flossen endgültig hängen…


Fast vergessen und kaum zu glauben - die Flosse war auch eine erfolgreiche Sportlerin. Hier bei der Rallye Monte Carlo, 18. bis 24. Januar 1960. Walter Schock und Rudolf Moll fahren auf einem Mercedes-Benz 220 SE Tourenwagen zum Gesamtsieg. Foto: Daimler