Ein echtes Schnäppchen! Für Michael Wichmann wurde der Traum vom gepflegten Rentnerauto wahr.
Fotos: Oldtimerreporter.Eichbaum


Gepflegter Garagenwagen aus erster Rentnerhand mit niedriger Laufleistung? Hätte jeder gern, doch kaum einer hat so viel Glück. Mit Beziehungen stehen die Chancen deutlich besser, wie die Geschichte von  Michaels 1980er Capri 1.6 L zeigt.
„Nach dem Tod eines guten Bekannten, mit dem sie von ihrer Tante ein altes Auto kaufte, weil jene nicht mehr fahren durfte, so klagte eine Freundin meiner Frau, stünde dieses Fahrzeug herum, angeblich ein Capri. Da wurde ich hellhörig, denn das Ford Coupé hatte mir schon immer gut gefallen.“ Der zwischenzeitlich verstorbenen Tante aus Wiesbaden auch, zuvor fuhr sie zehn  Jahre den Mk1, störte sich aber stets an der Vierzylinderhaube ohne Auswölbung.

Nur deshalb schaffte sie das hochlandgrüne Exemplar der dritten Generation mit safaribraunem Interieur an, hier war die prestigefördernde  Beule auf der Haube generell an Bord. Darob sehr zufrieden, legte sie in 27 Jahren ganze 33.300 Kilometer zurück. Das Fahren klappte zuletzt immer weniger, wie einige Kratzer  belegten. Zwischenzeitlich stand der Capri  drei Jahre abgemeldet in der angestammten Scheune.


Als Autos noch bunt waren - der Manta-Konkurrent erstrahlt in "hochlandgrün".


„Ich holte den Capri 2010 auf eigener Achse ab, erst nur Tempo 80, dann 100 und schließlich 120. Mehr mute ich dem 73-PS-Motor nicht zu, auch heute noch bleibt es meist bei maximal 130.
Die meisten Problemzonen hatte der Zweitürer am „Hintern“, offenbar war der Erstbesitzerin das Rangieren ohne Servolenkung oder zweitem Außenspiegel mit dem kleinen Sportlenkrad zuletzt schwer gefallen. Die leichten Schadstellen ließ ich beheben und auch gleich neuen Unterbodenschutz aufbringen sowie die Hohlräume versiegeln.“ Damit steht der Manta-Rivale nun immer noch so gut da wie zu seiner Auslieferung im März 1980.

Zusätzlich zum L-Trimm hatte sich die Dame ein Blaupunkt Lübeck, den Heckscheibenwischer und die Nebelschlussleuchte  gegönnt. Warndreieck, Verbandskissen, ein prämiertes Abschleppband und Bedienungsanleitungen sowie Wartungsheft sind sämtlich noch im Original vorhanden, und er ist natürlich bis heute Scheckheft-gepflegt. Sozusagen das Sahnehäubchen auf dem Prachtstück – die alles krönende Kirsche in Form des Belegeordners war leider vor Inbesitznahme durch den Oranienburger der Entsorgung anheim gefallen.


Damals war der 1600-er ein "Motörchen" - heute, im Zeitalter des "Downsizing", schon fast wieder ein "Big Block". 


Halb so wild, der rostfreie Volkssportler kommt auch so bestens an: Der Originalzustand aus erster Hand brachte gleich 2010 den Publikumsaward der Oldtimergala auf Schloss Liebenburg, 2013 Bronze der coolsten Youngtimer bei „Back to the young times“ in Berlin sowie 2018 den ersten Platz als Best of Rheinbach Classic vor den üblichen durchrestaurierten Nobelkarossen. „Auch an der Ampel“, so berichtet das Mitglied vom Oldtimerclub Oberhavel, „ist der Capri ein Hingucker, vor allem in Westberlin. Bei den Kudamm Classics hatte wirklich jeder eine Anekdote parat. Einer, den ich hatte einsteigen lassen, brach gar in Tränen aus.“
Für 2019 war neben diversen Rallyes und Treffen auch der Besuch des 50-jährigen Capri-Jubiläums in Köln geplant.
Die Laufleistung hat sich seither fast verdoppelt, denn: „Autos müssen bewegt werden. Eigentlich wollte ich mir damals ein neues Fahrrad kaufen und als frischgebackener Rentner die Alleen Brandenburgs erkunden. Nun erkunde ich sie mit dem Ford...“

50 Jahre "Kölner Pony-Car"
Im Februar 1969 einen Monat nach seinem Debüt auf dem Brüsseler Salon eingeführt, folgte der Ford Capri dem millionenfach bewährten Prinzip seines amerikanischem Cousins, dem Pony Car-Pionier Mustang: Überschaubare Abmessungen und unkomplizierte Großserientechnik in attraktiver Hülle bei bis dato nahezu unbekannten Möglichkeiten der Individualisierung.
Vom 1300er R4 mit 50 PS, über den Zwoliter-V6 mit 90 PS bis hin zum RS 2600 mit 150 PS, vom kargen Basismodell über den besser ausgestatteten GT bis hin zum potenten RS und dazu zig Extras wie etwa die L-, X- und R-Pakete – das sportliche Fließheck-Coupé kam bestens an, wie eine Million Wagen im August 1973 bis zur Einstellung der ersten Capri-Reihe im Dezember selben Jahres belegen. Zahlreiche Siege auf der Piste wie der DRM-Titel 1971 und die europäische Tourenwagen-Meisterschaft 1972 taten ihr übriges.


Capri kann auch sehr schnell. Peter Mücke (r.) - Teamchef des gleichnamigen Berliner Nachwuchsrennstalls - fährt mit seinem 540-PS-Zakspeed-Capri im historischen Rennsport regelmäßig auf's Treppchen.


Die Nachfolge trat der identisch konzipierte, aber deutlich weniger verschnörkelte Capri II an, der vom Vorgänger Schweller, A-Säule oder Windschutzscheibe auftrug. Der Capri II war in den Ausstattungslinien L, XL, GT und Ghia lieferbar. Für die L- und XL-Versionen standen die V6 nicht zur Wahl, die Vierzylinder wiederum nicht für GT und Ghia. Der RS war eingestellt, Topmotor war der 3,0-l-V6 mit 138 PS.
Im Mai 1976 lösten die Ausstattungen L, GL, S und Ghia die bisherigen Varianten ab. Ende 1977 endete die Produktion des Capri ’76, der im März 1978 präsentierte Capri II ’78 stellte eine umfangreiche Modellpflege dar. Populärer als der dynamische „S“ war der kommode 3.0 Ghia mit Automatik. Statt des 1981 zurückgezogenen Dreiliters bedienten der 2,8 injection mit 160 PS und der 2,8 Turbo leistungshungrige Kunden. Ab November 1984 wurde der Capri nur noch als Rechtslenker für Großbritannien gebaut und im Dezember 1986 nach insgesamt 1.886.647 Einheiten eingestellt – gar nicht übel für einen Starrachs-Sportler mit antiquierten Längsblattfedern.