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WEB 0Im Modelljahr 1966 Ford produzierte 260.873 F-100, von denen über 85 Prozent 4x2 Stylesides waren. Die meisten Käufer schätzten den zusätzlichen Laderaum, den das längere 244-cm-Bett gegenüber dem 198-cm-Shortbed wie bei Kalles Effie bot. Fotos: Oldtimerreporter.Eichbaum


Heutzutage sind Pickups familientauglich, viertürig und komfortabel – geradezu weichgespült. Wie es in der guten, alten Zeit war, als der Pritschenwagen noch den ganzen Mann verlangte und nahezu ausschließlich für Arbeitszwecke eingesetzt wurde, zeigt uns Kalles 1966er Ford F-100.

Servolenkung? Elektrische Fensterheber? Automatikgetriebe? Bremskraftverstärker? Klimaanlage? Nobel-Interieur? Schlag‘s dir aus dem Kopf, du Waschlappen – und zwar alles! Denn was ein echter Work Truck ist, der hilft seinem Besitzer täglich Geld zu verdienen, und sei es zunächst mal dadurch, dass beim Kauf schon an allem gespart wurde, was einer Steigerung des Wohlbefindens auch nur im Entferntesten dienlich und damit kostspielig sein konnte. Schon in den Sixties gab es tatsächlich derartige Bestrebungen, den Aufenthalt im Wagen angenehmer zu gestalten, aber das nahmen in erster Linie Privatkunden für sich in Anspruch; wer als Firmeninhaber einen oder mehrere Trucks auf der Straße hatte, kümmert sich einen Dreck darum. Reichte doch, dass der Angestellte am Steuer schon reichlich Geld kostete, dafür konnte er dann ja wohl mindestens mit vollem Armeinsatz die Richtung vorgeben und mit festem Tritt eine Verzögerung einleiten.


Voll reingebrettert: Den Holzboden installierte Kalle zur Traktionssteigerung


„Ja, in meinem Effie ohne jegliche Fahrhilfen geht es wirklich spartanisch zu“, erklärt Kalle. „Die einzige kostenpflichtige Annehmlichkeit im Innenraum ist das AM-Radio, selbst einen Zigaretten-Anzünder hat der Einbesitzer sich gespart. Frage mich, wie er sich hat zu Chromgrill und -stoßstangen sowie Flankendekor durchringen können. Und dann noch Sonnenblende und  Außenspiegel auf der Beifahrerseite, da muss wohl gerade der Igel aus der Tasche geflüchtet sein, oder der ganze Zierrat wurde mal nachträglich angebracht. Wie dem auch sei, ich habe mir den Pickup nicht als gemütliche Sonntagskutsche für den Eisdielenbesuch gekauft, sondern weil ich einen kleineren, stadt- und alltagstauglichen Oldtimer brauchte.“ Aha – wenn diese Attribute tatsächlich auf einen Fullsize-Pickup von 466 cm Länge bei 292 cm Radstand zutreffen, was fährt der Oldenburger denn sonst so an Altmetall? „Zu den Amis bin ich durch meinen Sohn gekommen, als er 2012 einen Schüleraustausch im ländlichen South Dakota machte. Dort wohnte er beim Chef der freiwilligen Feuerwehr, die gerade ihr altgedientes 1948er Chevrolet 6100 Loadmaster Tanklöschfahrzeug ausmustern wollten. Ich fand Gefallen an dem urtümlichen Wagen und ließ die einmalige Gelegenheit zum Kauf nicht verstreichen, aber mit 690 cm Länge ist er ungeachtet seiner Ablastung auf 3,5 Tonnen hierzulande häufig schlicht zu viel des Guten.“
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Ab in die neue Heimat!
So wurde der Markt abgegrast und bei einem Händler der 1966er Halbtonner mit Styleside-Shortbed gefunden. Der war in seinem langen Leben über die Jahre immer wieder mit Instandhaltungsmaßnahmen und Upgrades beglückt worden, seien es die Neulackierung und -aufpolsterung, der Schutzbelag samt Zurrleisten im 198-cm-Ladebett, die Werkzeugbox und die Tailgate-Kante aus Riffelblech, das ab Werk nicht verfügbare Heckfenster zum Aufschieben, die Pacer-Chromräder oder die elektrische Wischwasserpumpe. Bilder und Preis stimmten, also das Geld überwiesen, und acht Wochen später konnte Kalle seinen Import in Bremerhaven verzollen und ins heimische Oldenburg bringen. „Die Jungfernfahrt wäre auch beinahe das schnelle Ende des Pickups geworden, ich bin bei Nässe auf einer Rampe weggerutscht und um ein Haar in eine Laterne gerumst. Danach habe ich das Gaspedal nur noch mit dem kleinen Zeh angetippt, und musste zuhause trotzdem einen Schaden feststellen: Nach einem Tankstopp hatte sich eine Kipphebelwelle verabschiedet. Die bekam ich netterweise von dem US-Händler zugeschickt, für den TÜV musste ich mich dann nur noch um die Handbremse und um einen neuen Auspuff kümmern.“


Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen: Das Cockpit fällt sehr übersichtlich aus.


Die Zulassung selbst gestaltete sich als komplizierter, da der Truck aus dem no-title state Georgia stammte und das zuständige Amt in der niedersächsischen Großstadt sich wegen des folglich nicht vorhandenen US-Fahrzeugbriefes quer stellte. Ein Partner des Verkäufers sprang ein und ließ den Wagen in Remscheid zu, sodass die Ummeldung durch Kalle in Oldenburg nur noch eine Pflichtübung war. Da war es doch ein Fest, den F-100 beim Big Bumper Meet in der Hunte-Metropole einem größeren Publikum zu präsentieren.

Zeitlebens mit V8
Der ursprünglich montierte Motor erlebte das nicht mehr. Zur Wahl standen einst 3,9 und 4,9 Liter großen Reihensechszylinder mit 129 beziehungsweise 150 PS sowie der 5,8-L-Big Block der FE-Serie mit Doppelvergaser und 172 PS. Letzterer befeuerte ursprünglich auch den in zeitgemäß nicht übermäßig glänzendem Dark Green gehaltenen Pick-up, wie das V8-Emblem auf der Motorhaube unmissverständlich kundtut. Bei obigen Leistungsangaben handelt es sich mitnichten um die leger nach Gutdünken angegebene Brutto-Leistung, sondern um die unter Berücksichtigung aller Nebenaggregate gemessene Nettoleistung – im Nfz-Bereich wurde auf tatsächlich zutreffende Daten schon sehr viel früher geachtet als bei den Pkw.


Der 5,8-L-V8 jüngeren Datums sorgt mit 270 PS für ansprechende Fahrleistungen.


In Kalles Effie steckt ein modernerer 5,8-L-Cleveland Small Block, den ein wohlmeinender Vorbesitzer noch in den Staaten im Vorderwagen versenkt und darüber hinaus einige Performance-Goodies wie Edelbrock-Vergaser, Fächerkrümmer sowie eine zweiflutige Abgasanlage und als Krönung des ganzen einen Drehzahlmesser verbaut hatte.

„Der mit Edelbrock-Chromteilen noch etwas aufgerüschte Motor liefert stramme 270 PS. Damit geht der F-100 richtig gut, bei Nässe drehen noch im dritten Gang die 255er General Grabber AT durch. Um dem zumindest ansatzweise entgegenzuwirken und die Traktion etwas zu verbessern, habe ich 60 Kilogramm Tropenholz aufs Ladebett geschraubt“, berichtet der Truck-Fan und kommt direkt ins Schwärmen: „Mit der regulären Dreigang-Handschaltung ist der Ford schon fast sportlich – jeder Gasbefehl kommt sofort und vor allem uneingeschränkt an der Hinterachse an, da verliert sich nicht eine Pferdestärke ölwirbelnd im Drehmomentwandler wie bei einem Automatik-Getriebe.“ Solch üppige Kraft in leichten Nutzfahrzeugen hatte es in den Sixties durchaus gegeben – wenn auch nicht im Hause Ford: Bereits 1964 ließ sich der Dodge D100 als Custom Sports Special mit Rennstreifen, Einzelsitzen und Mittelkonsole nicht nur flott herrichten, sondern mit dem  426 Wedge auch flott machen. Der – vorgeblich – 365 PS liefernde 7,0-L-Big Block fand sich sonst in den mittelgroßen Pkw, die er in Form des noch stärkeren Max Wegde in Rekordzeiten über die Viertelmeile drosch.

Rüstige Rentner auf großer Fahrt
Derartige Vollgas-Exzesse sind Kalle nach seinem haarsträubenden Erlebnis am ersten Tag verständlicherweise fremd, er lässt es betulich angehen. Ein faules Rentnerdasein führt der Pick-up dennoch nicht, er muss seinen Eigentümer zu regionalen Treffen bringen und bisweilen Langstreckenqualitäten beweisen: „Ich bin auch schon nach Belgien zur Retro sur mer an den Strand von Wenduine gefahren. Von den Spritkosten her hätte ich zwar eine Kreuzfahrt unternehmen können, aber im Ford macht das Reisen wesentlich mehr Spaß.“ Spaß an der grünen Mobilität haben übrigens auch die Ladies, wie der Ruheständler feststellen durfte: „Es ist nicht so, dass der Pritschenwagen bei den Herren der Schöpfung nicht gut ankäme. Aber die Damen sind bei seinem Anblick gleich immer sofort schockverliebt!“ Da sind wir nicht überrascht, verkörpert der Effie doch nichts anders als die vierrädrige Version des schnörkellos-muskulösen Getränkeboten aus dem legendären Coca Cola Light-Werbespot.

1966 war die 1961 eingeführte vierte Generation der F-Serie in ihrem letzten Jahrgang.