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Klassiker im Kloster WEB

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Prachtstück: Der von Hause aus als Kind seiner Zeit ziemlich einfach gestrickte Garant war bei der Restauration dann doch nicht so unkompliziert wie man denken könnte.
Fotos(8): Oldtimerreporter.Eichbaum


…wird endlich gut, weiß der Volksmund. Uwes 1959er Phänomen Garant 30K ist solch ein Fall: Dessen  Restauration zog sich über fast drei Jahrzehnte hinweg.

Da der Hintergrund des Garant 30K nach so langer Zeit möglicherweise nicht mehr jedem vor Augen ist, zunächst einmal das Wichtigste in Kürze: Gefertigt wurde das zwischen Framo V 901/2 und IFA H3 positionierte Nutzfahrzeug von den enteigneten Phänomen-Werken in Zittau. WEB WappenNachdem deren WEB DSC 0208vorherigerEigner Rudolf Hiller das Führen des Namens Phänomen gerichtlich untersagt hatte, wurde dasursprünglich aus einer Fahrradfabrik hervorgegangene VEB Kraftfahrzeugwerk Phänomen Zittau am 1. Januar1957 in das noch heute geläufige „VEB Robur-Werke Zittau“ umbenannt, während die Fahrzeugmodelle bereits am 1. Juli 1956 von Granit auf Garant umgetauft wurden. Ein Großteil der 1953 aufgenommenen und 1961 zugunsten des Robur LO eingestellten 30K-Produktion landete im Export. Das brachte, so das Ziel nicht gerade die befreundeten RGW-Staaten waren, zwar Devisen, half aber wenig, den gewaltigen inländischen Nfz-Bedarf zu tilgen. 

WEB garage umraumen 2Anfang der "Nuller-Jahre" musste alles runter - erst die Pritsche, dann auch das Fahrerhaus. Foto: privat.Lindner


In einem der eigenen 14 Bezirke verbliebene Fahrzeuge, die die volkseigenen Betriebe als Halter soweit verschlissen hatten, dass kein Weg um Ersatz mehr herumführte, wurden nicht etwa verschrottet, sondern an privat veräußert. Nachfrage an leichten Lkw bestand durchaus, erlaubten sie doch zahlreichen Unternehmern, Lücken im sozialistischen Versorgungsnetz auf eigene Rechnung zu schließen. „Fürs eigene Fuhrgeschäft hatte mein Großvater 1965 einen 1957er Garant erstanden, ihn aufgemöbelt und mit ihm bis 1977 Gasflaschen durch die Hauptstadt der DDR transportiert. Danach kam der Lkw in den Garten, und ich spielte darin, bis er schließlich kleingeschnitten der Eisenproduktion zugeführt wurde. Seither wollte ich immer einen eigenen Garant haben“, erinnert sich Uwe aus Berlin-Buchholz. 1999 bekam er seinen Pritschenwagen von einem Dachdeckerbetrieb mitsamt einem Haufen Ersatzteile. Als gelernter DDR-Bürger wusste er um den Wert dieses Fundus, denn ganz besonders in der Mangelwirtschaft galt diesbezüglich: Haben ist besser als Brauchen.  
WEB Fahrerhaus neuPflegefall: Nicht ganz einfach war die Rekonstruktion des Fahrerhauses.
Fotos: Privat.Lindner


Zu Beginn des neuen Jahrtausends zerlegte Uwe den 30K komplett. Zunächst kam nur die Pritsche runter, um besser ans Chassis zu gelangen. Kaum war dort alles gereinigt und die Hinterachse mit frischen Schmiernippeln versehen, störten gammelige Leitungen das Erscheinungsbild. Es sollte ja alles ordentlich werden, also ging es hier weiter. Und weiter und weiter gen Frontstoßstange. „Rost war kein Thema, der generell heftig abgenutzte Zustand hingegen schon. Vieles war einfach völlig fertig und zeitgenössisch nur notdürftigst instandgesetzt. Das Fahrerhaus stammte zum Beispiel von einer Allradversion der NVA. Den hängenden Türen kam ich unkompliziert bei, die Turmluke machte mir mehr Sorgen. Sie war schnell rausgeschnitten, doch nun standen Holzarbeiten an der Struktur des Häuschens an, die nicht so mein Fachgebiet sind. Doch mein Wagnis mit dem Hartholz eines alten Stuhls war von Erfolg gekrönt, das Loch überm Beifahrer rasch anständig verschlossen.“ Auch der Austausch der Regenrinnen gelang glücklicherweise auf Anhieb – sie mussten sofort korrekt sitzen. Mit einem selbstgefertigten Biegerahmen aus Holz und Hilfe aus der Heißluftpistole schmiegten sich die filigranen Aluteile dann aber leichter als erwartet ans Führerhaus.
WEB ChassisAus alt mach fast neu. Auch das Chassis bekam eine Generalüberholung. Fotos: privat.Lindner


Die seitlichen Bordwände, der Ladeboden und die Führerhausrückwand machten es Uwe dafür einfach, das Originalholz von 1959 musste bloß abgebeizt und lackiert werden. Für die völlig desolate Heckklappe war allerdings ein Neubau mit frischem Holz und angefertigtem Stahlrahmen nötig. Anschließend verlangten Detailarbeiten viel Zeit, etwa die irgendwann mal übergestrichenen Ausstellfenster nach Reinigung, die Aluzierleisten nach Politur, die falschen Türklinken nach Austausch. „Für die bevorstehende Lackierung, die ich in unserem Hof durchführen wollte, reinigte ich die Hütte gründlich. Doch kaum war ich fertig, blies eine kräftige Böe alles wieder staubig. Was habe ich geflucht!“ Der Farbauftrag im hauseigenen Hellblau mit roten Rädern gelang jedoch im zweiten Anlauf, anschließend kümmerte sich ein befreundeter Künstler um die Beschriftung per Pinsel. 2015 hatte denn auch der Sattler seinen Auftrag vollendet, ran an die Technik!
WEB DSC 0203Motorblock: Der kleine Verzylinder reicht für Kleintransporte allemal.


Die hatte das Werk sachlich-nüchtern zum Namensgeber erhoben – die 30 wies auf dessen 30 Deziliter Hubraum hin und das K auf die Kopfsteuerung des Reihenvierers. „Das Getriebe war in Ordnung. Den gebläsegekühlten Benzin-Motor überholte ich allerdings, machte die Köpfe und zog die Zylinder. Hierbei stand mir ein LO-Schrauber mit Rat und Tat zur Seite, dem 30K-Aggregat wieder Manieren beizubringen“, fährt der Unternehmer fort. „Den kompletten Kabelbaum fertigte mir ein netter alter Herr an, der sich nachts um drei nach getaner Arbeit noch flott in sein Auto schwang und in die Sächsische Heimat fuhr. Was die neue Elektrik noch so mit sich brachte? Artfremde Rückleuchten! Die werden versierten Phänomen-Fans nicht entgangen sein, zogen aber nicht aus der Not ein: „Weiche, sanft geschwungene Linien dominieren den 30K, dazu passten dessen strenge Rechteck-Leuchten in meinen Augen überhaupt nicht. Die rundlichen Einheiten eines IFA H6 finde ich hier viel stimmiger.“
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Mäusekino? Mitnichten! Öldruck, Temperatur und Tacho reichen als Fahrerinformation.


Über die Fahrdynamik ist das Mitglied der Berlin-Brandenburger Kapitäne der Landstraße voll des Lobes: „Mit seinen 60 PS kommt der 30K gut aus dem Knick und ist zügig unterwegs. Er bremst ordentlich und lenkt sich leicht, für einen Lkw aus dieser Zeit fallen die Bedienkräfte erfreulich gering aus. Auch der erfreulich geringe Wendekreis des bei 377 cm Radstand 600 cm langen Garant von lediglich 14,3 m Durchmesser und die wunderbare Übersichtlichkeit fallen sehr positiv auf.“ Als Kardinaltugend des Zittauers erwies sich stets seine Langlebigkeit: „Aufgrund des äußerst robusten und zähen Fahrwerks ist der Garant 30K kaum kaputt zu kriegen. Ob nun wie im Familienbetrieb bis auf den letzten Platz mit Gasflaschen voll gepackt oder nach Feierabend bei Freunden meiner Eltern im Hausbau-Einsatz, die Nutzlast von 1,95 Tonnen wurde andauernd überschritten. Auch ein privater Kohlenhändler forderte zu Zeiten meiner Kindheit die Solidität seines Garant mit konsequenter Ignoranz der Waage und folglich des zulässigen Gesamtgewichts von 4200 kg täglich aufs neue heraus.“
WEB DSC 0279Stimmiges Detail: mit einem zeitgenössischen Schloss gesicherte Schleppstange.


Solchen permanenten Misshandlungen ist der betagte Sachse nicht mehr ausgesetzt, dient nun in erster Linie der Repräsentation. „Zu unserem 100-jährigen Firmenjubiläum 2023 wollte ich den Garant fertig haben. Das klappte leider nicht ganz, doch war er soweit zusammengebaut, dass ich ihn als Deko auf den Hof stellen konnte. Fast alle Gäste nutzten die Gelegenheit, sich im Laufe der Feier mal reinzusetzen.“WEB DSC 0267

Garant(-iert) zufrieden dürfte Garant-Fan Uwe mit dem Ergebnis der Restaurierung sein....


Folgejahr war der zugunsten des Broterwerbs oft über Monate hintangestellte Veteran dann endlich reif für den TÜV. Und für ein Anhängsel: „In der hintersten Ecke vom Grundstück hatte ein firmeneigener Hänger bereits in den 1990er Jahren sein Altenteil gefunden. Über den hatte mein Opa damals gesagt, dass der doch nur zum Schrippenholen tauge. Na gut, nachdem ich den restauriert hatte, war das dann eben der Schrippenhänger.“ Seine eigenen Brötchen verdienen muss sich der Garant ja nicht mehr.WEB k30 01


Und das war die Ausgangssituation... Deutlich zu sehen ist die NVA-Dachluke im Fahrerhaus. Foto: privat.Lindner