Weniger Auto geht nicht - Walter Schätzles Shopper hatte mit seinen Verarbeitungsmängeln, magerer Optik und Ausstattung letztlich keine Chance. Foto: Oldtimerreporter.Haehnel


Friedrich ist ratlos. Sein gutes, altes ´58er Goggo-Coupé schwächelt in letzter Zeit immer häufiger. Fünfzehn Jahre lang von seiner Geburt an ist das Wägelchen klaglos gelaufen, nun häufen sich die Wehwehchen wie bei Friedrich selbst. Na ja, denkt Friedrich sich, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste, Jahrgang 1901, da knirscht es schon mal in den Gelenken.  Aber der Goggo? Zuerst hat mal wieder der Dynastarter gestreikt, dieses komische Kombinationsding aus Anlasser und Lichtmaschine. Dann fiel der Auspuff auseinander und röhrte wie der Hirsch auf dem Bild in Friedrichs Wohnzimmer.
Jetzt sagt der Mechaniker, die Benzinpumpe leckt und wird es sowieso nicht mehr lange machen. Und nun? Den Goggo aufgeben? Den treuen, alten Gesellen, mit dem er so viel erlebt hat? In Italien ist er gewesen mit dem Goggo und seiner geliebten Hilde. Pisa. Florenz. Mailand. Über den Brenner sind sie gezogen – mit 13 PS und einer Menge Gepäck. Im ersten Gang, mit etwa 20 km/h. Niemand hatte sich aufgeregt darüber, schließlich waren sie fast alle langsam unterwegs.
Tja, denkt Friedrich, das ist nun vorbei, Hilde ist nicht mehr da und der Goggo wird ihn wohl auch bald verlassen. Was dann? Im April 1938 hat Friedrich den Führerschein gemacht, die sogenannte Klasse IV. Damit darf er alles fahren, was Räder hat und höchstens 250ccm. Also eben auch ein Auto mit höchstens 250ccm – wie sein wunderschönes Goggo – Coupé, weiß mit rotem Dach. Aber neue Goggos gibt...

...es seit 1969 nicht mehr, einen Gebrauchten möchte Friedrich nicht haben. Soll er gar das Autofahren aufgeben?  Nein, dann kann er ja nicht mehr zum Eisenbahner-Stammtisch einmal in der Woche fahren.
Es muss also eine Lösung geben – und die Lösung naht auch schon. Vetter Karl schaut herein: „Du, Friedrich, ich habe da etwas von einem neuen Autohändler hier im Ort gehört“, erzählt Karl. „Ja, und, hat der neue Goggos?“, mault Friedrich etwas unfreundlich zurück. „Nein, aber der soll neue Autos mit Goggo-Motoren haben, irgendetwas von AWS Shopper hat es geheißen. Sollen wir uns die mal ansehen?“ Gesagt, getan.
Bald erreichen sie die Händleradresse. Tatsächlich, „AWS“ steht da in orangen Lettern an den Toren. Ganz hinten in der Ecke steht ein orange-schwarzes Etwas. Dieses Etwas hat vier Räder, unverkennbar. „Die sehen ja aus wie bei meinem Goggo!“, ruft Friedrich. Außerdem hat dieses Etwas Ecken. Viele Ecken. Sehr viele Ecken. Aber kann dieses Ding da fahren?
„Ja, meine Herren“, schallt es Karl und Friedrich entgegen. „Das ist er, der neue AWS Shopper, quadratisch, praktisch, gut. Mit bewährter Goggo-250ccm-Technik!“ Diese Sätze kommen vom Autoverkäufer, der sich unbemerkt genähert hat.
„Möchten sie einmal einsteigen? Unversehens rutschen die Herren auf das spärliche Mobiliar. Friedrich sitzt am Steuer. Mein Goggo ist schöner, sinniert er. Aber 250ccm! Klasse IV! Keinen „großen“ Führerschein machen müssen! Weiter mobil sein! Das ist unschlagbar. Er startet den Motor. Das vertraute Räng-Däng-Däng ertönt. Tatsächlich, genau wie der Goggo! Die Fahrt beginnt. Es schaukelt und klappert etwas, aber das ist beim Goggo nicht anders. Mehr und mehr können sich Friedrich und Karl für den fahrenden Schuhkarton erwärmen. Die Probefahrt geht zu Ende. „Wir kaufen einen AWS – jeder einen!“, rufen Karl und Friedrich laut, als sie aussteigen. Der Verkäufer strahlt. Die ersten beiden „Kartons“ verkauft.
Etwa vier Jahre später. Die beiden Herren fahren immer noch AWS. Bei Karls Exemplar regnet es mittlerweile überall hinein, trotz aller Abdichtversuche der Werkstatt. Friedrich hält zum x-ten Mal beim Öffnen der Heckklappe die ganze Klappe in der Hand, die Scharniere sind bessere Möbelbeschläge. Der Lack sieht mittlerweile nach Mattlack aus, garniert mit schwarzen Schlieren aus den Gummidichtungen, die ohnehin nicht abdichten. Überall klappert und quietscht es, die Zeltstangen-Konstruktion des Rahmengerippes ächzt lautstark in den Fugen.
Aber: Das Goggo – Maschinchen hält! Und so wird der Shopper Karl und Friedrich möglicherweise doch noch überleben. Goggo lebe hoch!

 

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